Live aus dem Hima­laya (3): Am Anna­purna Highway nach Manang

17. Apr. 2019

Bis um die Jahrtausendwende galt Nepal als die grösste Fussgängerzone der Welt. Und daher auch Paradies für das Trekking. Zu zerklüftet und zu schroff schien die Landschaft, um hier Strassen bauen zu können. Vor allem wenn ein Land so arm ist wie Nepal.

Der eisgepanzerte Annapurna Himal mit einem Achttausender und mehreren Siebentausendern bildet die atemberaubende Kulisse für den Snow Leopard Trail ©Trail Angels

Die Zeiten haben sich geändert und überall im Land sind gelbe Bagger zu sehen, die sich in die Landschaft hinein-graben und dabei selbst vor dem Himalaya nicht halt machen. Sicherlich hat die eine oder andere Trekkingroute unter dieser Erschließung gelitten, eben wie der Annapurna Circuit. Aber mit welchem Recht wollen wir Westler diese Entwicklung aufhalten? Zumal noch große Gebirgsregionen in Nepal vom Straßenbau noch gänzlich unberührt geblieben sind wie der Khumbu, Langtang, Dolpo oder der Kangtschendönga um nur einige zu nennen.
Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau

Strahlender Sonnenschein: Frühstück mit Manaslu (8.167m)

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Zauberhafter Frühling im Himalaya: Rhododendron in voller Blüte bei Timang (2.700m)
Nun, meine Reise führt aber nach Manang, ins Reich des Schneeleoparden und dorthin führt der wohl zum Scherz sogenannte Annapurna Highway. Um Manang von Kathmandu aus in zwei Tagen zu erreichen, heisst es früh zu starten und am ersten Tag so weit zu fahren, wie irgend möglich. Wir, das sind Pemba, mein Guide, Dhami mein Träger, unser Fahrer und ich.

Ist man dem Millionenmoloch Kathmandu erst einmal entflohen, geht es zuerst einmal zügig voran. Erstens, weil sich die Strasse nach Pokhara in einem passablen Zustand präsentiert und zweitens, weil es andauernd bergab geht. Zuletzt entlang des mächtigen Trishuli Flusses, auf nur noch schwül feuchten 500m Seehöhe. Nepal ist hier subtropisch, mit immergrünen Monsunwäldern, Reisfeldern und zahllosen Strassendörfern. Der Charakter ändert sich auch nicht, nachdem wir den Highway nach Pokhara verlassen haben und nun nach Norden, in Richtung der Berge fahren. Besishahar heisst unser nächstes Ziel. Besishahar gilt als Tor zum Himalaya und ist Startpunkt des weltberühmten Annapurna Circuit. Der Charme dieses berühmten Ortes hält sich, trotz der quirligen Trekkerszene, in staubigen Grenzen. Für uns spkelt das keine Rolle, denn gleich hinter Besishahar beginnt der Annapurna Highway, der fortan unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Und noch einmal ändert sich die Landschaft dramatisch: Ein Hauch von Tibet empfängt uns in Braga (3.400m) mit seinem eindrucksvollen Felsenkloster
Die gewaltige Schlucht des Marsyangdi Flusses ist mit dem Annapurna Circuit berühmt geworden. Eingekeilt zwischen Annapurna und Manaslu Massiv hat sich der Fluss einen Canyon mit teils lotrechten Felswänden gegraben und partout hier musste man, mit chinesischer Hilfe, eine Strasse bauen.
Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Immer höher hinauf führt der Jeep Track: bei Pisang (3.200m) sind riesige Lawinenkegel zu queren

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Bei Timang tauchen wir in einen zauberhaften Rhododendronwald ein, der in voller Blüte steht.

Sicherlich auch wegen der Wasserkraftwerke, die im unteren Talabschnitt gebaut wurden bzw. werden. Als Nepalpionier verstören mich zuerst die Technik und die Caterpillar, die hier in den Bergen Einzug gehalten haben, aber spätestens nach Jagat gewinnt die Magie des Himalaya die Oberhand. Tosende Wasserfälle stürzen über die Felsfluchten in den Canyon. Schwindelerregend sind die Tiefblicke von der Strasse, die teils haarsträubend in den blanken Fels getrieben wurde, hinunter in den Schluchtengrund. Da hilft es eigentlich nur noch ein Gottvertrauen in unseren Fahrer zu haben. Ein Vertrauen, das selbst durch seine Überholmanöver an besonders engen Stellen nicht mehr erschüttert werden kann. Es sit schon lange dunkel, als wir unser Tagesziel, das Dörfchen Danakyo auf 2.300m Seehöhe erreichen uns damit trösten, dass es jetzt noch noch fünf Fahrstunden bis nach Manang sind.

 

Der nächste Tag empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Es wird in jedem Fall ein besonderer Tag, denn innerhalb weniger Stunden geht es mit dem Auto vom immergrünen Monsunwald durch alle möglichen Landschaftsstufen hinauf bis ins schon tibetisch geprägte Hochland. An die Strasse, sie bleibt spektakulär, hat man sich inzwischen gewöhnt, wobei mich die rasche Abfolge der Eindrücke – man ist mit dem Auto halt viel schneller als beim Trekking unterwegs – schier überfordert. Bei Timang tauchen wir in einen zauberhaften Rhododendronwald ein, der in voller Blüte steht. Die vielen Rot- und Rosatöne seiner Blüten stehen in einem reizvollen Kontrast zum strahlenden Weiss der Gletscherriesen. Wenige Kilometer später wechselt die Landschaft wieder: Ab Koto lösen dichte Nadelwälder den Rhododendron ab und man fühlt sich an die Rocky Mountains erinnert, würde das enge Tal nicht von Eisgiganten überragt werden. Und bei Pisang, wir sind jetzt schon über 3.000m hoch, weitet sich das Tal plötzlich zu einem breiten U-Tal und gibt so den Blick auf die ganze Pracht des Annapurna Himal frei. Mehrfach quert der Jeep-Track riesige Lawinenkegel, den Zeugen der massiven Schneefälle im vergangenen März.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Grandioser Annapurna Himal! Im Bild: Annapurna 3 (7.555m)
Noch einmal wandelt sich die Landschaft dramatisch: Mit jedem Kilometer wird es trockener und spätestens bei Braga, ein ungemein eindrucksvolles Felsenkloster, fühlt man sich nach Tibet versetzt! Bald darauf ist Manang, hier endet der Jeep-Track, erreicht. Tashi Ghale, mit dem ich mich die nächsten Tage auf die Spuren des Schneeleoparden heften werde, hat uns schon erwartet. Bevor wir jedoch die Pläne für die nächsten Tage besprechen, gehe ich mit Pemba noch hinauf zum Viewpoint auf den gigantischen Gangapurna Gletscherbruch. 300m höher als das 3.520m hohe Manang und daher ideal zu akklimatisieren. Denn mit dem Auto so schnell hoch zu fahren ist eigentlich keine gute Idee. Egal, auch wenn der Kopf ein wenig brummt, freue ich mich auf das, was mich in den nächsten im Reich des Schneeleoparden erwartet.

Autor

Günter Mussnig

Der Diplomgeograph ist einer der Gründer und Geschäftsführer der Trail Angels, die für die Webplattform Bookyourtrail.com verantwortlich zeichnen. Als Trekking- & Outdoorfreak gehört er zu den Vätern des Alpe-Adria-Trails und erkundet seit mehr als 25 Jahren den nepalesischen Himalaya.

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