Live aus dem Himalaya (5): Thorung La – the greatest pass in the world

23. Apr. 2019

Zugegeben: Bisher habe ich auf meinen Nepal Touren den Thorung La gemieden. Für mich folgen einfach zu viele Trekker dem Ruf des "Greatest pass in the world". Dieses Mal hatte ich keine andere Wahl - ein Erfahrungsbericht.

© Trail Angels

Zugegeben: Bisher habe ich auf meinen Nepal Touren den Thorung La gemieden. Für mich folgen einfach zu viele Trekker dem Ruf des „Greatest pass in the world“. Dieses Mal hatte ich keine andere Wahl – ein Erfahrungsbericht.

Der Plan war ein anderer: Nach meiner Exploration mit Tashi Ghale für den Snow Leopard Trail wollte ich mit meinem kleinen Team, bestehend aus Guide Pemba und Träger Dhami über den Tilicho See und Mesukantu Pass nach Mustang wandern. Mein Ziel war es zu überprüfen, ob diese Route als Erweiterung zum Snow Leopard Trail geeignet wäre. Das ständig wechselnde Wetter und die massiven Schneefälle Ende März haben mein Vorhaben gleich zu Beginn meiner Reise als schlicht unmöglich erwiesen. So blieb mir keine andere Wahl, als über den Thorong La nach Muktinath zu gelangen. Der Thorung La ist mit 5.420m zwar um 100 Meter höher als der Mesukantu Pass. Durch seine nördlichere Lage, Richtung Tibet, hat er jedoch weniger Schnee abbekommen und wird vor allem viel begangen.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau

Das Thorung La High Camp (4.925m): Ausgangspunkt für die letzte Etappe über den Pass © Trail Angels

Das ist auch der Hauptgrund, warum ich diesen Pass bisher (privat) gemieden habe. Stellt er doch die Schlüsselstelle für die vielen Trekker auf Nepals berühmtester Trekkingroute, den Annapurna Circuit dar. Und ist daher immer schon ein Schauplatz vieler persönlicher Triumphe, aber auch zahlreicher Tragödien (wie 2014 im Zyklon Hudhud) geworden. Ich war also durchaus neugierig, was mich erwarten würde. Wegen der Wettervorhersage (sie sagte ein Schönwetterfenster für Ostersamstag voraus), strichen wir einen Tag in Manang und starteten am Donnerstag. Nun, ich war zwar im Gegensatz zu den Trekkern mit dem Auto nach Manang hochgefahren (was ganz sicher nicht nachgeahmt werden sollte), fühlte mich aber schon gut akklimatisiert. Eine Eigenschaft, die mir in Nepal schon oft geholfen hat, für die ich aber nichts kann. Unser erstes Tagesziel waren Lodges von Ledar (4.200m) und die etwas längere Wahl als das übliche Tagesziel Yak Kharka (4.050m). Trotzdem starteten wir recht spät von Manang, um dem Hauptstrom der Wanderer zu entgehen. So wanderten wir recht einsam (ein Luxus am Annapurna Circuit) hinauf zur schönen Alm von Gunsang (3.950m), von wo der Trail nach Norden, immer hoch über dem Thorung Khola Bach führt. Ab Gunsang geht es ohne große Steigungen recht gemächlich, vorbei an Yak Kharka zu den drei Lodges von Ledar, die wir nach vier Gehstunden erreichten. Die Lodges waren gut gefüllt und das bunte Trekkingvölkchen verbrachte den Nachmittag aufgeregt schnatternd, in sich gekehrt lesend oder Karten spielend in der Gaststube. Junge, hippe polyglotte Backpacker aus aller Herren Länder prägen die Szene. Gott sei Dank gibt es aber auch die organisierten Trekkinggruppen mit den älteren Semestern, so sonst wäre ich mir hier oben echt wie ein Methusalem vorgekommen.

Getreu meiner vielfach erprobten Faustregel „Climb high, sleep low“ stieg ich am Nachmittag im einsetzenden Schneefall ca. 300 Höhenmeter in Richtung Chulu West Base Camp auf. Während ich mich noch wunderte, warum nicht ein einziger Trekker auf es mir gleichtat, traf ich im Schneetreiben ein Paar aus Dänemark. Die beiden hatten für den Ausflug einen guten Grund: Sie sind Bergsteiger und wollen den Chulu West (6.420m) erklimmen. Der nächste Morgen brachte nach einem für mich tiefen Schlaf das Erwartete: Gleich mehrere Trekker waren über Nacht höhenkrank geworden und mussten umkehren. Wobei ein austrainiert wirkender Amerikaner sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Der Arme wurde auf ein Maultier geschnallt, um in tiefere Gefilde zu gelangen, denn der Hubschrauber konnte wegen des Wetters nicht starten.

Wir wanderten indes mit unserem eigenen gemächlichen Tempo weiter. Das Wetter klarte zwar auf, dennoch tauchten wir immer mehr in eine Winterlandschaft ein. Ein Vorgeschmack auf die morgige Passüberschreitung. Der Weg änderte bis Thorung Phedi (4.525m) seinen wenig anstrengenden Charakter nicht, dennoch überholten wir laufend Trekker die offensichtlich mit der Höhe zu kämpfen hatten.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau

In der Morgendämmerung geht es los! Trekker queren die ersten tief verschneiten Hänge oberhalb des High Camps © Trail Angels

Ein junger erschöpfter Israeli mit Rastafrisur, fragte mich, wohl ob meines entspannten Zustandes: „Please give me these pills“. Nur mit Mühe konnte ich ihm erklären, dass es keine Wunderpillen gegen die Höhenkrankheit gibt. So sehr mir auch das junge, bunte Trekkingvolk sympathisch war, die Naivität und das Unwissen über das bevorstehende Unterfangen war oft haarsträubend. So hatte ich ob der Berichte über den Schneefall extra meine steigeisenfesten, schweren Bergschuhe mitgenommen, während viele Trekker mit knöchelfreien, leichten Trekkingschuhen unterwegs waren. Mehr als 30 kamen uns an diesem Tag entgegen, da sie ihren Traum aufgegeben haben. Auch wenn sie enttäuscht sind: Es sind die Vernünftigen, denn auf fünfeinhalbtausend Metern hört sich der Spaß schnell auf. Thorung Phedi wird heute als Base Camp bezeichnet. Da wir es schon um 10:30 Uhr erreicht haben, sind wir gleich weiter ins Thorung High Camp auf 4.925m. Dieser Weg ist jetzt richtig steil! Dementsprechend gemächlich stiegen wir die Schneeflanke hoch und erreichten das High Camp, es ist eine einzige, große Lodge, die bis zu 200 Menschen Platz bietet, gegen Mittag. Ich wiederholte einen Akklimatisierungsmarsch vom Vortag, auf den mir dieses Mal gleich mehrere Trekker folgten. Am Abend, es klarte nach etwas Schneefall auf, knatterte plötzlich ein Helikopter herauf. Zwei Inderinnen waren schwer höhenkrank und mussten noch vor Einbrechen der Dunkelheit abtransportiert werden. Die Gaststube war gut gefüllt und erinnerte mich an jene der Adlersruhe in der Heimat. Alle waren aufgeregt und nach einer kurzen, kalten Nacht starteten die Ersten schon bei sternenklarem Himmel um 04:00 Uhr früh. Wir folgten dann um 5:30 Uhr, um uns im ersten Morgenlicht das Gehen mit den Stirnlampen zu ersparen. Der Tag begann mit einem wolkenlosen Himmel und einem beisend kalten Südwind. Vorsichtig und noch etwas ungelenk tappsten wir die vereisten Hänge höher und waren froh, als nach eineinhalb Stunden endlich die Sonne hinter der Chulu Kette emporstieg. Zeit für eine Pause und die atemberaubende Aussicht auf die Annapurna Kette zu genießen.

Es ist ein ganz eigenes Gefühl im Himalaya in großen Höhen vorzudringen. Jedes Mal nimmt eine ganz besondere Ergriffenheit von mir Besitz und die Gewissheit der eigenen Winzigkeit auf diesem einzigartigen Planeten. Spätestens jetzt, in den Minuten des Sonnenaufganges war iich froh, die Entscheidung, den Thorung La zu besteigen und dieses Erlebnis mit so besonderen Menschen wie Pemba und Dhami zu teilen, getroffen zu haben. Ab ca. 5.250m neigt sich das Gelände merklich zurück und so gestalten sich die letzten Meter zur Passhöhe nicht mehr allzu anstrengend. Und so stehen wir schon um Punkt 08:00 Uhr am, mit im Wind knatternden Gebetsfahnen geschmückten Thorung La, dem berühmtesten hohen Trekkingpass der Welt. „The greatest pass in the world“.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau

Fast wie früher auf unseren Expeditionen 😁 Immer noch kribbelt das Gefühl, sich außerhalb der Komfortzone zu bewegen… © Trail Angels

Auf einem hohen Pass zu stehen, ist immer wie von einer Welt in die nächste einzutreten. Hier am Thorung La vom uns jetzt vertrauten Manang in das so einzigartige Mustang. Diesem ebenso kargen wie faszinierenden Hochland, dessen nördlicher Teil bis Anfang der 90er Jahre für Ausländer gänzlich gesperrt war. Und seinen Status als eigenständiges Königreich gar bis 2006 erhalten konnte. Das schneebedeckte graubraune Gipfelmeer, zu dem sich bald auch die makellose weiße Pyramide des imposanten Dhaulagiri (8.167m) gesellte, zog uns magisch an. Also noch schnell ein Erinnerungsfoto und schon gingen wir den Abstieg an. Spätestens jetzt erwiesen sich meine schweren Bergschuhe als unschlagbarer Vorteil, denn der Abstieg ist steil und vereist. Der Pass wird daher auch von dieser Seite praktisch nie begangen, sind doch von der letzten Lodge (Muktinath Phedi) anstrengende 1.400 Höhenmeter zu überwinden. Bergab war es natürlich leichter die steilen Schneehänge hinunter zu hüpfen. Ach hätte ich doch meine Tourenskier mit, denn feinster Firnschnee glänzte in der Sonne von Mustang. Lange vor der nächsten Gruppe erreichten wie Phedi und der herrliche Wandertag klang sanft auf den Almwiesen oberhalb von Muktinath aus.

Am „Greatest Pass in the World“: Mit Pemba und Dhami am Thorung La © Trail Angels

Bald darauf erreichten wir dann Muktinath. Diesen so berühmten Pilgerort auf beachtlichen 3.850m, der Hindus wie Buddhisten gleichermaßen heilig ist. Dementsprechend faszinierend ist die Vielfalt der Pilgerschaft, die sich hier tummelt. Inder, die zusammengepfercht in wackligen Bussen die beschwerliche tagelange Reise hier herauf auf sich nehmen. Oder die Dolpo Pa Frauen, die mit ihrem mit Türkisen und Korallen veredelten Kopfschmuck besonders faszinieren. Und ihre Pilgerschaft noch zu Fuss, aus der archaischen Welt des Hochlandes von Dolpo über den grimmigen 5.600m hohen Sangda La hinter sich gebracht haben. Muktinath alleine wäre einen Blog wert, doch wir hatten uns entschlossen, auch ob des unsicheren Wetters Mustang noch heute den Rücken zu kehren und über den berüchtigten Mustang Highway so weit als möglich nach Süden zu fahren. Und so erreichten wir hundemüde um acht Uhr abends Tatopani, mitten in der tiefsten Schlucht der Welt, der Kali Gandaki Schlucht. Auf 1.200 m Höhe , mit Palmen und Bambus als Vegetation. 12 Stunden zuvor sind wir noch 4.200m höher, in den eisigen Höhen von 5.420m gestanden. Ein Erlebnis, welches wohl nur Nepal zu bieten hat.

Nach 1.700m Abstieg in einer neuen Welt: Der Pilgerort Muktinath mit dem Dhaulagiri (8.167m) am Horizont © Trail Angels

Mein Fazit: Der Thorung La ist als Erweiterung des Snow Leopard Trail absolut geeignet. Wenn man bereit ist, nach den einsamen Trekkingtagen in Naar Phu, in die bunte Welt der Trekker am Annapurna Circuit einzutauchen. Aber wie heißt so treffend: Es ist doch am schönsten, unvergessliche Erlebnisse mit möglichst vielen Menschen zu teilen!

Und am Abend in den immergrünen Monsunwäldern der unteren Kali Gandaki Schlucht: 4.300m tiefer, in Tatopani. So was geht nur in Nepal… © Trail Angels

Autor

Günter Mussnig

Der Diplomgeograph ist einer der Gründer und Geschäftsführer der Trail Angels, die für die Webplattform Bookyourtrail.com verantwortlich zeichnen. Als Trekking- & Outdoorfreak gehört er zu den Vätern des Alpe-Adria-Trails und erkundet seit mehr als 25 Jahren den nepalesischen Himalaya.

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