Live aus dem Himalaya (4): Auf der Spur des Schneeleoparden

23. Apr. 2019

Tashi Ghale ist kein Mann der vielen Worte. Aber dies soll ja generell in der Natur der Menschen von Manang liegen. Kommt die Sprache jedoch auf die Leidenschaft seines Lebens, den Schneeleoparden, dann taut Tashi schnell auf. Die letzten drei Tage war ich mit Tashi unterwegs. Auf der Spur des Schneeleoparden.

Im Einsatz für den Schneeleoparden: Trail Angels Günter Mussnig und der berühmte Naturfotograph Tashi R. Ghale am Snow Leopard Trail ©Trail Angels

Plötzlich erstarrt Tashi zu einer Salzsäule, starrt durch sein Fernglas und reagiert auf keine Frage. Es dauert sicherlich drei Minuten, bis sich dieser Zustand wieder löst. „Eine Herde Blauschafe, die in wilder Flucht den steilen Berghang heruntergestürzt ist“ erklärt Tashi. Und da hätte es doch sein können, dass ein Schneeleopard der Grund für die Flucht war, sind doch Blauschafe das Lieblingsgericht dieser mystischen Grosskatze. Ich schaue durchs Fernglas und zähle 10 dieser prächtigen Tiere, die jetzt wieder friedlich äsen. Falscher Alarm also.
Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Selbst mit der Handy Kamera noch gut zu erkennen: Blauschaf in eindrucksvoller Pose. Blauschafe sind die Hauptbeute des Schneeleoparden
Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Ihr würdet mir gut schmecken: In die Ziegenställe des Dorfes Julu sind Schneeleoparden in letzter Zeit öfters eingedrungen.
Heute ist unser erster gemeinsamer Pirschgang und Tashi hat mir einen „Easy Walk“ versprochen, nachdem ich ja erst gestern mit dem Jeep nach Manang gekommen und alles andere als akklimatisiert bin. Neun Gehstunden sind es dann geworden, aber das sollte mich nicht wundern, denn wenn es um den Schneeleoparden geht, vergisst Tashi die Zeit. Geboren in Manang ist Tashi in Indien in Darjeeling zur Schule gegangen und hat später in Kathmandu Fotographie studiert. In Manang betreibt er, dank des Annapurna Circuit, eine gut gehende Lodge und machte sich nebenher einen Namen als einer der führenden Naturfotografen Nepals. Bis zu diesem Tag im März 2006, der sein Leben veränderte. Es hatte geschneit und der unermüdliche Tashi befand sich wieder einmal auf Fototour. In einer Schlucht erspähte Tashi plötzlich am verschneiten Gegenhang, und daher leicht auszumachen, zwei Schneeleoparden. Schnell hatte er sein Teleobjektiv gezückt und es entstanden Aufnahmen, die um die Welt gingen. Für Tashi hatte diese Begegnung eine magische Wirkung, denn aus dem Naturfotografen wurde ein Wildbiologe und vor allem ein engagierter Naturschützer. Mit großen Einsatz engagiert er sich seitdem für den Schutz des Schneeleoparden. So hat er ein Monitoringsystem mit mehreren Kamerafallen, die bisher schon viele eindrucksvolle Bilder der Grosskatze geliefert haben, aufgebaut. Er bildet Bauern und Hirten im Umgang mit der Grosskatze aus. Und er hat ein Bildungsprogramm für Naturschutz mit der Schule von Manang gestartet. Ein Leben für den Schneeleoparden, wofür er auch schon viele internationale Preise gewonnen hat.

Doch wie oft hat er nun den Schneeleoparden in den dreizehn Jahren seiner Tätigkeit gesehen? „Neun Mal“ antwortet er wie aus der Pistole geschossen, „denn keine Grosskatze ist schwieriger zu beobachten, als der Schneeleopard.“ Zurück zu unserem Ausflug. Tashi deutet hinauf zu einem Steilhang, wo unter einer Felswand der dunkle Eingang eine Höhle herunterlugt. „Das ist die Schneeleoparden Höhle, da müssen wir hinauf“. So was ähnliches hatte ich schon befürchtet, aber bei Tashi gab es längst kein Halten mehr und schon kraxelten wir die felsige Flanke hinauf. Keuchend oben angekommen, zeigt mir Tashi sogleich die Bedeutung der Höhle: Mit Urin markieren hier die Schneeleoparden die Felsen (man riecht es 😉 ) und somit ihr Territorium. Auch reiben sie sich mit dem Hals an den Felsen, weshalb hier auch noch einige Haare kleben. Sich diesem geheimnisvollen Wesen so nahe zu fühlen, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Lange hätte ich noch an diesem besonderen Ort sitzen können, der nebenbei noch ein grandioses Panorama auf die eisgepanzerte große Mauer des Annapurna Himalaya freigibt. Doch Tashi drängt zum Aufbruch, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Vor dir soll ich mich erschrecken? Mit dieser Vogelscheuche wollen die Einwohner von Julu den Schneeleoparden vertreiben…
Das weltvergessene kleine Dorf Julu ist unser nächstes Ziel. Nur cirka 10 Menschen leben hier oben in den eng aneinandergeduckten Steinhäusern und nennen an die 300 Ziegen ihr Eigentum. Und genau hier liegt das Problem, denn die Schneeleoparden haben es in letzter Zeit auf diese Ziegen abgesehen. „Sieben Stück haben sie heuer schon gerissen, einmal sind zwei sogar über das Dach in einen Stall eingedrungen“ erklärt Tashi. Mit verschiedenen Massnahmen versucht Tashi jetzt, das Dorf besser zu schützen und dazu gehört neben Drahtgittern am Dach der Ställe unter anderem auch eine lustige Vogelscheuche auf einem der Hausdächer, die die Schneeleoparden abschrecken soll. Am nächsten Tag, gestern, regnete und schneite es stark, was mich zwar wegen der bevorstehenden Überschreitung des 5.420m hohen Thorong La Passes beunruhigte, mir aber einen wohlverdienten Ruhetag bescherte. Dafür empfing uns der heutige Morgen mit Sonne und dem strahlenden Weiss frisch gefallenen Schnees. Unser gesamtes Team, Guide Pemba, Träger Dhami und ich starten mit Tashi auf der Hauptroute des Annapurna Circuit in Richtung Thorong La. Dabei zweigen Tashi und ich nach 2 Stunden in das herrliche Ghyanchang Tal zu einer weiteren Erkundung ab. Bald entdeckt Tashi Anzeichen der Gegenwart des Schneeleoparden : Die typischen Markierungshügel, Losung und sogar einen, wen schon älteren Riss ( ein junges Yak). Einige Markierungshügel machen Tashi aber stutzig, denn sie sind frisch! Sofort beginnt er mit seinem Fernglas die schneebedeckten Flanken des Tales abzusuchen und erstarrt plötzlich wieder zur Salzsäule. „Schau, da oben, eine frische Schneeleoparden Spur! Das Tier dürfte den Hang herunter gekommen sei und sich jetzt weiter hinten im Talschluss befinden“ erklärt Tashi mit ruhiger Stimme, während ich mit pochendem Herzen im Fernglas die Spur beobachte. „Ich muss mir das anschauen, daher trennen sich jetzt unsere Wege“ erklärt mir Tashi. Nach einen kurzen, herzlichen Verabschiedung stapft Tashi im tiefen Schnee Richtung der Spuren, während ich zum ausgetretenen Pfad des Annapurna Circuit zurückgehe, wo mich in Yak Kharka Pemba und Dhami schon besorgt erwarteten. Damit beginnt auf meiner Reise das nächste Kapitel, die Überschreitung des Thorong La, wobei ich im Gedanken bei Tashi bin: Wird er heute vielleicht sogar zum 10. Mal einen Schneeleoparden zu Gesicht bekommen?

Tashi Ghale oder sein kongenialer Partner, der Zoologe Rhinzin werden in Zukunft alle Touren auf unserem Snow Lepard Trail begleiten. Durch das atemberaubende Naar Phu Gebiet, über den Kang La Pass nach Manang und zu ausgewählten Beobachtungsorten. Ein weltweit einzigartiges Trekkingprogramm, auf das wir besonders stolz sind! Interessierte können sich jetzt schon bei uns unverbindlich melden, denn die Plätze sind limitiert.

Der Snow Leopard Trail ist ein Projekt von Fair Trails Himalayas, einer Kooperation der Trail Angels mit ENNOVENT und finanzieller Unterstützung der ADA (Austrian Development Agency).

Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau
Angehende Naturschützer? Tashi Ghale hat mit der Schule von Manang ein engagiertes Bildungsprogramm gestartet: Development through Conservation.
Panoramaweg Südalpen Panorama am Hochplateau

Er war hier: Grosser, frischer Markierungshügel. Mit diesen Zeichen grenzt der Schneeleopard sein Revier ab

Autor

Günter Mussnig

Der Diplomgeograph ist einer der Gründer und Geschäftsführer der Trail Angels, die für die Webplattform Bookyourtrail.com verantwortlich zeichnen. Als Trekking- & Outdoorfreak gehört er zu den Vätern des Alpe-Adria-Trails und erkundet seit mehr als 25 Jahren den nepalesischen Himalaya.

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